Wolfgang Isle | Personenkult und Mystifikation (Van Gogh) | 1994
Öl auf Leinwand | 160 x 110 cm
Wolfgang Isle | Personenkult und Mystifikation (Andy Warhol) | 1995
Öl auf Leinwand | 160 x 110 cm
Wolfgang Isle | Personenkult und Mystifikation (De Kooning) | 1995
Öl auf Leinwand | 160 x 110 cm
Wolfgang Isle | Personenkult und Mystifikation (Marylin Monroe)
Öl auf Leinwand | 110 x 90 cm
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Wolfgang Isle (1945 - 1996)
HEROES
Wolfgang Isle, der 1996 unerwartet verstarb, setzte sich in seiner Malerei kritisch
mit dem beschädigten Dasein auseinander, dem eigenen und dem der anderen.
In seinen Figuren- und Körperbildern paart sich die genaueste Beobachtung
der Außenwelt mit einer schonungslosen Innenschau. Der stete Wille nach
gestischem und mimischem Ausdruck ereignet sich auf höchstem künstlerischen
Niveau und verzichtet auf die intellektuelle Attitüde.
Isles Bilder sind Kampfplätze. Ihre überwältigende Rhetorik des
Leibes pendelt zwischen vernünftigem Sehen und bestürzend leidenschaftlichem
Ausdruck, zwischen Reflexion und Expression.
Isle wusste, dass sich seine Bilder nur schwer in der Massenkultur behaupten können.
Vielleicht hat er sich deshalb eine ganze Ahnengalerie von Künstlern, Dichtern und
Denkern geschaffen und – getragen von einem ironischen Ernst – mit dem Label
"Personenkult und Mystifikation" versehen. Diese Galerie seiner Heroen
bildet den Mittelpunkt dieser Ausstellung. Sie wird angeführt vom Bildnis
des unverstandenen Künstlergenies schlechthin, von Vincent van Gogh.
Die Reihe der exemplarischen Künstlerportraits zeigt jedoch keineswegs nur
gescheiterte Existenzen. Lothar Roman hat in diesen "Erinnerungstafeln für die
andere Möglichkeit" die undramatischen Gegenbilder zu den sonstigen Ikonen
der Massengesellschaft und pseudoreligiösen Wahns gesehen.
Isles Bilder behandeln die inneren Konflikte und die Zwiespältigkeiten der Menschen,
die affektive Ambivalenz ihrer Gefühle ebenso wie die intellektuelle Ambivalenz
ihrer Einsichten in einer Welt voller Ungerechtigkeiten und mentaler Verwerfungen.
Vor allem aber malte er sich den Zusammenhang von Liebe und Destruktionstrieb aus
dem eigenen Leibe. Ihn faszinierten und irritierten die Rituale der Gewalt, die sich
zwischen den Körpern von Männern und Frauen ereignen können, von Schmerz
und Lust, von Abscheu und Gier. In einer Gesellschaft, in der die Männer soeben
erstmals zu verstehen gelernt hatten mit den Zwiespältigkeiten ihrer Gefühlswelt
umzugehen, malte Isle die sprichwörtlich gewordenen Männerphantasien.
Wollte er nicht an ihnen verzweifeln und zugrunde gehen, galt es im täglichen Leben
und Miteinander der Geschlechter ein Auskommen zu finden.
Eines der Grundmotive seiner malerischen Erkenntnis ist die Frau, die leidende und
bedr&uaml;ngte Frau, aber auch die bedrängende Frau. Ihr galt das Mitgefühl
Wolfgang Isles. Er zog sich aber nicht zurück in die Askese, verlangte weder nach
Überwindung des Leibes noch spiegelte er sich in der homo- oder autoerotischen
Selbstversessenheit einer Flucht vor dem anderen Geschlecht.
Nach künstlerischen Anfängen in den 1970er Jahren in Westberlin ließ
sich Isle in einer abgelegenen Kunstlandschaft am äußersten südlichen
Rande der Republik nieder. Er lebte und arbeitete in einem ehemaligen Kloster auf der
Halbinsel Höri am Bodensee. In den ungleich aggressiveren Jahren der
nationalsozialistischen Diktatur hatten sich bereits die Maler Otto Dix und Erich Heckel
und der Schriftsteller Hermann Hesse an diesen Rückzugsort unweit der schweizerischen
Grenze zurückgezogen und sich hier ihrer Überlebensmöglichkeiten als
Künstler versichert. Zum Widerspruch zwischen dem fiebrigen Tempo der großen
Städte mit ihrem verzweifelten Zynismus einerseits und der selbstgewählten
inneren Emigration andererseits bemerkte Isle: "Der Kontrast ist wichtig für mich.
Hier in dieser lieblichen Gegend kann ich mich besser mit dem Irrsinn der Menschheit
auseinandersetzen … Hier habe ich einen sonnigen Logenplatz."
In den 1980er Jahren arbeitete Wolfgang in der kunsttherapeutischen Praxis. Er nahm
Lehraufträge wahr und leitete Kurse für Jugendliche. Für diese Tätigkeit,
für die er ein ausgeprägtes Sensorium besaß, war er geradezu prädestiniert.
Dabei kam ihm die innere Beteiligung am Weltgeschehen zugute. Sie bestimmte seinen
bildnerischen Furor bis zuletzt.
1996, im letzten Jahr seines Lebens, entstand eine Reihe großformatiger, mit Ölfarben
übermalter Zeichnungen in Bleistift auf Leinwand. Bis auf wenige Ausnahmen blieben sie
unbetitelt. Einzelne Figuren oder Paare sind frontal oder in perspektivischer Verkürzung gesehen.
In zügigem Duktus greifen die Ölfarben über die Motive hinweg. Das vorrangige
tiefe Schwarz und das leuchtende Rot sind nicht mehr konstruktiv aufbauend eingesetzt.
Sie geben den Gegenstandsbezug vollständig auf. Das Dripping der flüssigen Farbe
gerät zur aggressiven Geste: ein Drauflosschlagen, dass es nur so spritzt!
Ein Rest von Malgestus, der sich das Bild ohne einen einzigen Pinselstrich zurückerobert.
Das zentrale Merkmal der Malerei von Wolfgang Isle ist die Ambivalenz – die Ambivalenz
der Farbe, der Geste, der Beziehungen von Paaren untereinander, von Einzelnen zur Gesellschaft,
von innerer Emigration und interessierter Anteilnahme an einer ungerechten menschenverachteten
Politik. Von Ambivalenzen geprägt verlief auch das Leben des Malers, der angekündigt
hatte: "Ich trete aus der Menschheit aus". 1996 ist er völlig unerwartet
während einer Bahnfahrt verstorben. Die künstlerische Hinterlassenschaft
Wolfgang Isles gilt es vor dem Vergessen zu bewahren.
Hansdieter Erbsmehl
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