Yongbo Zhao

Dr. Tayfun Belgin
Museum am Ostwall, Dortmund

In der Anschauung der Werke des 1964 in der Mandschurei geborenen Künstlers Yongbo Zhao erscheint es durchaus angemessen, sich der Worte Emil Noldes an seinen Freund Hans Fehr aus dem Jahr 1906 wieder einmal zu vergegenwartigen: "Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, dann ist es dieser: Wenn du in der Kunst der Gegenwart an Werken eine Gesetzlosigkeit, Willkür oder Zügellosigkeit, wenn du krasse Rohheiten und Brutalitäten wahrnimmst, dann beschäftige dich lange und eingehend mit diesen Werken, und du wirst schließlich erkennen, wie die anscheinende Willkür sich in Freiheit, die Rohheiten sich in hohe Feinheiten verwandeln. Harmlose Bilder sind selten etwas wert.
Harmlos sind die Gemälde von Yongbo Zhao wahrlich nicht. Wir erleben in seinen großformatigen Figurenbildern eine sprachliche Gewalt, die zunächst einmal erschrecken mag. Männer und Frauen werden hier in einem unheiligen Zusammenhang mit Tieren gebracht, die schrille Erotik mit zynischer Teilnahme verbindet - eine in dieser Form beispiellose Kunst. Es darf nicht vergessen werden: Yongbo Zhao hat seine Jugend in einem Land verlebt, in dem nach der Kulturrevolution des großen Vorsitzenden, Mao Tse-Thung, alle zeitgenössische Kunst mit entschiedener Brutalität der Parteiideologle dienstbar gemacht wurde. Auch nach Jahren der Freiheit in Westeuropa bleibt ein tiefsitzender Schock, eine nicht auslöschbare negative Erinnerung Teil der künstlerischen Seele.
Das Thema der Bilder Yongbo Zhaos ist der Mensch. Die Beschäftigung mit ihm findet sowohl in Einzelporträts wie auch im erzählerischen Zusammenhang statt. So klassisch diese Definition auch klingen mag, so unklassich ist das, was wir vergegenwärtigen. Aufgerissene Mäuler (halb Mensch halb Tier) mit der Physiognomie von Vater, Mutter, Bruder oder Mao, eine Mona Lisa, deren Bruste zu Parmaschinken zerfallen, Marvlln Monroe, die, von Penissen umflogen, ihren Schoß pornografisch öffnet, Kopulationsszenen mit sehr menschlich anmutenden Hammelpaaren usw.
Dem Künstler scheint nichts heilig zu sein. Man wendet sich als Betrachter unmißverständlich, vielleicht auch angewidert ab, mit einem Kopfschütteln, das besagen mag, wie kann man nur so mit Tradition umgehen?
Diese Feststellung ist richrig und falsch zugleich, denn: Yongbo Zhao ist sich sehr wohl bewußt, was er zur Anschauung bringt.
 




Betrachtet man die Bilder allein von ihrer technischen Seite, so wird einem unmittelbar gewahr, daß hier ein Künsfler mit altmeisterlichem Können am Werk ist. Diese Werke entstehen in keinem schnellen Malprozeß. Sie haben eine technische Dimension, wie sie heute nur noch von wenigen beherrscht wird. Und bezüglich ihrer Inhaltlichkeit: Die Frage muß erlaubt sein, wer eigentlich die ruhmreiche Tradition der abendländischen Kultur, ihre Bilder, ihre Literatur, ihre Musik heute zerstört. Es erscheint unredlich, sich über solche Bilder aufzuregen und im Alltag den omnipotenten Schrott, der durch TV und Medien über uns kübelweise ausgeschüttet wird, gleichsam zu tolerieren. Was ist das für eine Gesellschaft, die ihre Menschen in Container steckt, um sich kultartig an schwachsinnigen Gesprächen der Teilnehmer zu delektieren? Was ist das füreine globale Gesellschaft, die so spricht, sich so bewegt und handelt, als wärh man in einer permanenten Seifenoper? Yongbo Zhao zeigt eben diese klassischen menschlichen Verhaltensweisen in meisterlich formulierten Werken: menschliche Gier, Habsucht, die Sucht nach Ruhm und Macht. Wenn in seinen Bildern ornamenthaft chinesiche Schriftzeichen auftauchen, so geben diese "heroische Worte" des großen Vorsitzenden wieder. Oder in dem großen Doppelbildnis "Mao und Ophelia" zitiert der Künstler ein Lied zu Ehren des Parteiführers: "Der Osten ist rot, die Sonne geht auf / Im Osten gibt es nun einen Mao Tse- Tung. Er setzt sich für das Glück des Volkes ein / Er ist der große Retter des Volkes." Wenn Yongbo Zhao abendländische Ikonen wie Leonardos Mona Lisa angreift, so vergegenwärtigt er uns den abstrusen Kult, der um solch ein Werk gemacht wird. Heute kann im Louvre in Paris ernsthaft kein Besucher, mag er aus den USA oder aus Japan kommen, das Werk wie ein Origlnal betrachten. Die dicke Panzerscheibe, die Fingerabdrücke, die Wachmannscbaft, der Lärm der Gruppen, die stickige Luft usw. vergegenwärtigen einen verknöcherten Kult, der mit künstlerischer Währheit oder Ästhetik doch wohl nichts mehr gemein haben kann. Also kauft man sich eine Postkarte seines Lieblingswerkes. Yongbo Zhao ist ein Realist, dem es gelingt, eine zynische Synthese zu formulieren. Er huldigt der Kunst und ihrer Tradition. Er versteht es jedoch auch, unausgesprochene Wahrheiten, die nicht angenehm sein müssen, offenzulegen.



Dr. Tayfun Belgin
Museum am Ostwall, Dortmund




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